
Ich habe eine Freundin. Eigentlich, wenn man es genau nimmt, sind wir mehr als Freundinnen. Wir sind Knastschwestern. Vor vielen Jahren teilten wir das Schicksal, unter der Herrschaft eines dogmatischen, mussolinischen, nahezu stalinresken Chefs, vulgo Kerkermeisters, zu dienen.
Jene Zeit hat uns wahrhaft zusammengeschweißt. Und nachdem wir beide uns nacheinander, relativ unbeschadet, den Weg ins Freie gebuddelt hatten, haben wir uns feierlich gegenseitig oben genannten Titel verliehen und bis heute beibehalten. Einmal Knastschwester, immer Knastschwester!
Und einem Knacki, vielmehr EINER Knacki, die einem nahesteht, wünscht man im Allgemeinen nicht nur alles Gute, alles Liebe, viel Glück und den üblichen Schnickschnack. Man wünscht ihr auch, sie möge die Sau rauslassen!
Also, ich hab ihr das gewünscht. Dummerweise! Und lieb, wie sie ist, wollte sie dem auch gerne nachkommen. Leider kam die Frage retour, wie sie das denn nun anstellen sollte.
Blöd, ich hatte gehofft, sie könnte es mir vormachen, und ich könnte es dann nachmachen. Denn, ich weiß ja auch nix darüber! Und ich meine jetzt nicht die sprichwörtliche Herkunft der Aussage.
Mir geht’s nicht ums was, mir geht‘s ums WIE!
Also:
Die Sau ist das weibliche Hausschwein. Das ist mal sicher. Das weiß man ja schon aus der Volksschule. Und wer es nicht aus dem Unterricht erfahren hat, der hat es in den Pausen gelernt. Denn Kinder können zuweilen recht grausam zueinander sein…
Der nicht orientalische Teil meiner Elternschaft stammt aus der tiefsten Südsteiermark, wo sich Kuh, Fuchs und Schwein gute Nacht sagen. Daher kann ich aus jahrelanger Sommerferienerfahrung sagen:
Die Sau lebt gemeinhin in einem Stall.
Übertragen bedeutet das nun wohl, unser aller Sau ist meistens im Käfig, oder so. Will heißen, sie ist nicht immer draußen. Vielleicht nur zu speziellen Gelegenheiten? Macht das vielleicht gerade den Charme der Sau aus, dass sie meistens eingesperrt ist?
Und überhaupt, eigentlich ist das ja alles sehr individuell. Des einen Sau ist vielleicht des anderen Kätzchen, das schon jahrelang draußen rumläuft, und umgekehrt.
Manch einer hält es schon für Ausgelassenheit, wenn er zum Schnitzel ein Glas Rotwein trinkt, für andere ist bereits das Schnitzel die Sau, wie man will.
Der eine feiert regelmäßig bis zum Umfallen und lässt die Sau alle Tage raus, sozusagen in Sau(s) und Braus. Der andere pflegt und mästet sie, um sie für eine ganz spezielle Gelegenheit aufzusparen. Stirbt einer vorher, hat er zwar Pech, aber zumindest ein Ziel gehabt.
Es ergeben sich ja so viele Fragen!
Muss meine Sau überhaupt jeder sehen? Kann ich nicht voller Elan, unter Einsatz all meiner Kräfte eine heimliche Sau haben? Muss ich mich vielleicht als öden Langweiler beschimpfen lassen, nur weil die komplette Palette meiner Persönlichkeit nicht über alle Horizonte sichtbar ist?
Anders gefragt: Darf man sich anmaßen, einen Sauvergleich zu starten, im Sinne von „Meine Sau ist besser als deine“?
Aber womöglich liegt die Sau im übersehenen Detail? In der Leerzeile, im Vorzimmer zum Wohnzimmer, im Kitzeln vor dem Niesen…
Vielleicht bedeutet die Sau rauszulassen, über Jahre hinweg verheiratet zu sein, und zwar mit dem gleichen Partner? Und einen erwachsene Sohn sein eigen zu nennen, der tatsächlich noch immer gerne zu seiner Mutter nach Hause kommt, einfach, weil sie offensichtlich doch ziemlich viel richtig gemacht hat. Oder die Sau liegt darin, fellige schwarze Wesen in massiver Bauweise tagtäglich ins Freie zu begleiten, einfach weil sie lieb sind und Freude machen.
Die Sau mag auch dazu führen, dem Chef ins Gesicht zu sagen, er könne sich den verweigerten Zuschuss zur Firmenfeier aufselchen, ja genau!
Oder dazu, komplett ohne Orientierungssinn ins Ausland zu fahren, mit einem Kompagnon, der ebenfalls null Plan hat, wo er sich gerade auf der Erdkugel befindet, und dennoch einen Mordspaß zu haben. Die Sau sitzt wohl auch im Prosecco, der an einem lauen Abend auf einer Decke im Park getrunken wird, oder im Glühwein, der dick eingemummt an kalten Wintertagen im Gewurdel der Menschen geschlürft wird, währen andere den Sinn für schlichten Genuss bereits irgendwo im Alltag verloren haben.
Ja, dort glaub ich, hockt die verlorene, die unbeachtete Sau wirklich, jene, die nicht im Rampenlicht stehen will, also niemals eine Rampensau sein, sondern immer nur ihren stillen Beitrag leisten will, in diesem ohnehin schon wahnwitzigen, verrückten, anstrengenden, faszinierenden und wunderbaren Leben.
In diesem Sinne, liebe Knastschwester, ich kann dir leider nichts Neues erzählen.
Doch zum Abschluss ein guter Rat:
Unterschätze niemals die Sau in dir 🙂
Dein Exknacki
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