
Jetzt ist es wieder so weit. Aber ich mag Halloween einfach nicht. Es kommt mir ein bisserl absurd vor, mich absichtlich zu gruseln, wo ich mich doch tagtäglich in einem fort gruseln muss. Oder packen Sie zum all inklusiv Urlaub eine Jause ein, trinken zu Espresso einen Cappuccino oder futtern Schoko zur Sachertorte? Abstrus, nicht?
Mein Tag hat genug Horrorelemente, da möchte ich wenigstens zu Halloween mal blau machen.
Es beginnt ja täglich schon frühmorgens. Zuerst noch in Sicherheit gewogen, irgendwo zwischen Sandstrand, George Clooney und Lottogewinn. Plötzlich ein grausliches Geräusch. Wolfgang Petrys Stimme hallt durch meinen Traum. Und dann geht auch noch der Wecker ab! Brrrrrr!!
Ich stampfe ins Badezimmer, der erste Blick in den Spiegel… Ja genau, wahrlich kein Disney Film, eher wie in Psycho. Ich sehe aus wie Norman Bates Mutter. Tote Mutter.
Schließlich der Fußmarsch zur Straßenbahn, vorbei an Nachbars Garten. Und jedes Mal der Gratisblick in sein hellerleuchtetes Wohnzimmer aus den frühen Siebzigern, mit kanaldeckelgroßen, floralen Ornamenten an den Wänden, in orangem und grünem Schleim gehalten, und davor: Der Nachbar mit weißem Feinrippunterleibchen, der sich auf der Veranda mit dem Nagelzwicker die Zehennägel faconiert. Ein weiterer Schauer zieht übers Land. Und meinen Rücken.
Aber dann geht’s erst richtig los. Schon von weitem sehe ich bei der Haltestelle die Traube von quietschenden, drängenden, kauenden, bissigen kleinen Kindern, die mit gefletschten Lefzen nur darauf warten, dass die Türen sich öffnen und sie dir deine Tasche in die Hüfte drücken, das Cola auf den Mantel schütten und ihre Schulranzen in deine Kniekehle pressen können, begleitet von zombiartigem Gejohle und Gegrunze. Eine Mischung aus „die Vögel“ und „Alien“.
Während man scheu wie ein Reh versucht, auf unsichtbar zu machen und sich ins letzte Eck des Wagons verfügt, kitzelt einen die eiskalte Hand des Angstschweißes im Nacken.
Eine warme Leberkässemmel mit ordentlich Zwiebel, die wie aufgewärmter toter Frosch riecht, wird von zwei klauigen Pratzen in den Mund gestopft, Hulk gepaart mit Norman Bates. Dabei wird lautstark mit dem Sitznachbarn gequatscht. Der Sitznachbar bin ich. Hitchcock hätte seine Freude gehabt.
Aufgrund der bellenden Meute hat die Straßenbahn natürlich Verspätung, ich renne zur Arbeit, bepackt mit Tasche, vollgefülltem Ikea Sack und Regenschirm. Dann eine Pfütze. Schlammgraue Spritzer bis hinauf zum Hals. Ich sehe aus wie Carry, der Horror nimmt kein Ende.
Schließlich angekommen bei der Arbeit, der Blick ins Chefzimmer. Ohne Worte: Norman Bates am Schaukelstuhl. Ich husche zum Kaffeeautomaten, der Kaffee schmeckt, als stamme er aus Norman Bates Nachlass.
Der Tag zieht sich wie der klebriger Schleim von „die Körperfresser“. Zieht sich gruselig bis zum Abend, wo dann als Betthupferl Nebel und Lanz sich den Platz um die beste Gruselnummer des Tages streitig machen. Bis einer weint. Ich.
Sie sehen, bei mir hat Süßes oder Saures keine Chance. Ich bin hart im Nehmen!
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