
Eine Hochzeit ist ein gar seltsam Ding. Meist eine Mischung aus Columbo, Sex and the City und Mickey Maus. Ich hab gehört, dass die Scheidungsrate nach Hochzeitsfeiern bei etwa 200 Prozent liegt. Was die Gäste betrifft. Vielleicht hab ich mich auch verhört. Tatsache ist, dass Menschen deshalb so gerne heiraten, weil man ja erwiesenermaßen von der eigenen Hochzeit nichts mitbekommt, was einen gewissen Schutz darstellt. Nichts desto trotz, jeder geht gerne auf Hochzeitsfeiern und lässt sich wohlig in das Gemetzel fallen. So auch Betty und Bobby.
Betty ist ja bekanntlich meines Bruders Frau und Hüterin, demnach ist Bobby mein Bruder, aber nennen wir ihn Rübi. Diesen Spitznamen hatten ihm seine Kinder verliehen, selbstgemachte und zugereiste.
Es begann damit, dass das Brautpaar, Otto und Angelique, meinen Bruder nicht nur zum Gast sondern auch zum Festleiter auserkoren hatte, was einerseits bedeutete, dass er mir die gesamte Seifenoper haargenau nacherzählen konnte, andererseits leider auch, dass er tagsüber nüchtern bleiben musste, um die ganze Hochzeitstruppe in Zaum zu halten und dem eigenen Grauen frühestens am Abend ein Ende setzen durfte.
Zunächst erwarb Rübi, der sich normalerweise einmal in fünf Jahren ein Paar Socken und fünf Gramm T-Shirt kauft, nun selbständig ein Hemd samt Hose, Gürtel und Krawatte. Ganz alleine, wohlgemerkt. Die restlichen drei Outfits hat dann Betty mit ihm besorgt. Man weiß ja nie, wer einem, wenn‘s am schönsten ist, mit klebrigen Schokohänden aufs Hemd patscht oder über die Schulter kotzt…
Das Fest stand unter einem guten Stern, sonnigster Sonnenschein umhüllte das Schloss, in dem geheiratet werden sollte. Beim Sektempfang im Schlosshof war bereits alles fidel und munter. Man hatte sich akribisch an den Dresscode der Braut gehalten. Keine langen Kleider, keine Spitze. Diese Privilegien waren der Angetrauten vorbehalten.
Elsa, die Freundin von Joschi, dem Exfreund der Braut, war mit einem weißen Kleid erschienen, allerdings von oben bis unten übersät mit SPITZE. Zumindest an die Längenvorgabe hatte sie sich gehalten, der untere Saum ging tatsächlich nur bis zur ersten Rille der Cellulite.
Als die Braut Elsas Affront ansichtig wurde, schnappte sie hörbar nach Luft und tat das, was jede Ehefrau in solch einer Situation tut, sie bejammerte ihren Bräutigam. Dieser wiederum wandte sich an Rübi, der ja der Festleiter war. Rübi tat das, was er bei brenzligen Aufträgen immer tut, er übergab sie an Betty, und Betty ging schnurstraks zu Elsa und bat sie, die Robe zu wechseln.
Elsa schien bereits darauf gewartet zu haben, sie stülpte sich die Spitze, die eine Art zweites Kleid war, über den Kopf. Nun konnte man das hautenge knackwurstartige Kleidchen viel besser sehen. Und als Draufgabe zog sich doch tatsächlich vom rechten Fingerhut voll Busen bis zum linken Bein ein Reißverschluss, der wohl nicht dazu angelegt war, die Toilettenzeiten zu verkürzen.
Dieser Anblick war auch Eddy nicht entgangen. Eddy war mit seiner Frau Maude direkt aus Ostengland angereist und sein Mittfünfzigerherz schlug schneller, als er Elsas Körperkurven ansichtig wurde. Mit dem typisch englischen Akzent, der immer so klingt, als würden die Worte eine schmale Stange hinaufklettern, war er „very amused“. Elsa sprach und kicherte fortan nur mehr auf Englisch.
Als Freund und Fotograf war Carl auserwählt worden. Er positionierte seine Kamera direkt vor den Barockstiegen, auf denen das Brautpaar schließlich vermählt und glücklich erscheinen sollte. Allerdings war gerade Moni am Werk, sich ihren linken Schuhabsatz an den Stiegen abzuputzen. Moni war die Bräutigamschwägerin oder auch die Frau des Bruders des Bräutigams, oder halt einfach nur Moni. Carl, ein schüchterner ruhiger junger Mann, der keinem Kätzchen etwas zuleide tun kann, geschweige denn einem Tiger wie Moni, bat sie, eventuell etwas zur Seite zu gehen, damit er sie, Moni, optimal vor einem Oleander fotografieren könne und als Beiwerk hätte er auch freie Sicht auf die Jungvermählten. Moni stürmte mit hochrotem Gesicht davon und beklagte sich bei ihrem Mann über dies unflätige Verhalten, allerdings in Worten, die direkt aus den Fußballerwadeln der österreichischen Nationalmannschaft stammen konnten.
Auf Anraten des Bräutigambruders entschuldigte sich der zerknirschte Carl doch tatsächlich bei der echauffierten Moni. Diese meinte darauf jedoch nur: „Ja, das kann jetzt jeder sagen!“
Der arme Carl! Tief zerstört nahm er wieder seinen Platz hinterm Objektiv ein. Carls Frau hatte die Szene beobachtet und es bestand die Gefahr eines ausfälligen Eklats ihrerseits, noch bevor die Feier überhaupt angefangen hatte.
Mein Bruder, der das Unglück kommen sah, warf Betty einen panischen Blick zu. Diese beruhigte die Frau des Fotografen beherzt, indem sie ihr mitteilte, dass Moni ohnehin niemand hier leiden könne und dass diese früher mal in Kreisen verkehrt hatte, über die man nicht spricht, aber Betty würde schon darüber sprechen, wenn gewünscht. Und außerdem hätte sie am Klo gehört, wie Moni lautstark gepupst hätte, als sie sich unbeobachtet fühlte. Betty wurde hierfür sogleich mit einem Glas Prosecco belohnt und einem glückseeligen Gesichtsausdruck.
Die Gefahr war also gebannt, und das Brautpaar kam strahlend und getraut auf die Stiegen.
Wie es so üblich war, wurden Mengen an Reis umher geschmissen. Daher verschwand Angelique danach etwa eine Stunde mit Friedrich, ihrem Friseur, um ihr Haar wieder reisfrei zu machen. Sie nahm sozusagen „reisaus“, ha,ha.
Die anschließende Tafel verlief ruhig und ohne große Vorkommnisse eingebettet in idyllisches Ambiente.
Irgendwann am frühen Abend wandte sich Joschi an Betty, und fragte, ob es komisch sei, wenn er als Exfreund eine Rede hielte. Betty meinte, komisch sei, dass er überhaupt hier sei, also solle er sich keine Sorgen machen.
Seinem Vorbild folgten der Brautvater, der Bräutigamvater, und ja, Alex, der BFDB, der beste Freund des Bräutigams. Ein ehrlicher aufrichtiger Kumpel, der freudig von jenem Jahr berichtete, in dem ihm Otto erstmals von seiner Geliebten erzählte, und welch schöne Zeiten das Paar schon damals miteinander verbracht hatte. Es folgte Applaus, allerdings etwas gedämpft, wie es auch meinem Bruder auffiel, bis klar war warum.
Exfreund Joschi nämlich hatte die Daten anders in Erinnerung. Zu jener Zeit waren er und die heutige Braut Angelique nämlich noch zusammen, was aber Alex nicht gewusst hatte. Knackwurst Elsa freute sich, denn auch sie war damals schon aktuell, so waren sie eigentlich quitt. Rübi beruhigte Alex, der entschuldigte sich bei Joschi, da er wohl etwas durcheinandergebracht hätte.
Joschi meinte: „Is eh wurscht, is sowie so alles Mist!“ Elsa tanzte nämlich bereits recht heftig mit Eddy und war über dessen Grapschhände, die dauernd versuchten, den Reißverschluss zu öffnen, gar nicht verärgert.
Plötzlich machte es Rrrratsch und Elsa stand im Freien. Aus der hintersten Ecke der Champagnerbar ertönte ein kreischender Schrei. Angelique! Elsa stand da in BH und Höschen, allerdings in SPITZE, dieses Biest! Otto warf sich dazwischen, um seiner Frau den Anblick zu ersparen.
Maude, Eddys Gattin, scheuerte ihrem Alten eine und verließ daraufhin die Feier. Ein prustendes Lachen erklang aus der Ecke, dort saß Joschi am Boden mit einer Flasche Bier und schien sich köstlich zu amüsieren.
Moni, die mittlerweile bei allen Männern hier abgeblitzt war, einschließlich ihres eigenen, wandte sich nun an Carl, als die allerletzte Bastion, und erklärte, jetzt könne er sie gerne beim Oleander fotografieren. Carl war sofort dabei, aber er meinte, ihm wär‘s lieber, sie würde HINTER dem Oleander stehen. Lachte und forderte dann seine Frau zum Tanz auf.
Zu erwähnen bleibt nur noch, dass Friedrich, der Friseur, mittlerweile dem Brautvater, der bereits etwas hinüber war, eine Perücke aus Efeu auf den Kopf gesetzt hatte, Moni sich an Eddys Schulter ausweinte, Joschi wieder zu Elsa gefunden hatte und auch das Brautpaar nach all den Strapazen innig bei einem langsamen Walzer ineinander versunken war. Friede, Freude, Eierkuchen.
Das hieß auch für meinen Bruder Entwarnung. Er schnappte sich zwei Gläser Sekt. Danach schnappte er sich Betty. Und während die beiden von Ferne die Teigreste der Feier entspannt beobachteten, waren sie froh, dass sie bereits vor Jahren mit seinem zweiten und ihrem dritten Versuch einen fünften gemeinsamen gewagt hatten.
Und dass sie nun MITEINANDER verheiratet waren. Trotz Hochzeit!
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