
Der folgende Text erscheint in gekürzter Fassung als Kolumne für das Kulturmagazin Living Culture (Link zur Kolumne).
Wir sind ganz schön fett geworden. Sie und ich, meine ich. Sie verbitten sich grobschlachte Verbalinjurien wie diese? Verständlich, aber was soll ich sagen, der eigene Wanst trägt sich leichter herum, wenn man vergleichbare Problemstoff-Endlagerstätten auch bei anderen Menschen als amorphen Extension Pack wähnt. Und ist das eigene Spiegelbild erst einmal derart entgleist, dass es im Spiegel nicht mehr ausreichend Platz findet, ist es unerheblich, ob man zusätzlich noch eine dicke Lippe riskiert. Nehmen Sie es mir also nicht krumm, wenn ich zu dick aufgetragen habe, sondern verbuchen Sie es passenderweise als plumpen Versuch eines ausgezehrten Geistes, in einem genussmitteldeformierten Körper Fettelnwirtschaft zu betreiben.
Sicher, theoretisch plagt es einen ganzjährig, dass das Delikatessenkrematorium auf ziemlich kleiner Flamme vor sich hin lodert und daher beständig einen Erweiterungstrakt nach dem anderen anbaut. Dennoch gibt es spezielle Gelegenheiten, die einfach ein Stück tiefer gehen. Zum Beispiel, wenn die Rechnung über den neuen Anzug vom Lastwagenplanenproduzenten kommt, wenn einem die anderen Partygäste tatsächlich dringend vom Verzehr des Pfefferminzblättchens abraten oder auch wenn es wieder einmal Sommer wird. Ja, die warme Jahreszeit ist für alle unter uns, deren BMI (Body Mass Index) eine Stellenanzahl erreicht hat, die einen eher an die Telefonnummer des BundesMinisteriums für Inneres denken l, eine echte Qual. Die Hitze motiviert dazu, sich aus der ohnehin zu engen Kleidung zu schälen und sich in Badebekleidung an diverse öffentliche Gewässer zu begeben. Solcherorts wird dem tendenziell adipösen Abkühlungsaspiranten jedoch rasch klar, dass sich die Vorzüge der leichten Bekleidung ohne Umschweife ins Gegenteil verkehren, wenn man schon am eigenen Gewicht schwer zu tragen hat.
Wie soll man dieser Misere nun adäquat zu Leibe rücken? Die einfachste Variante ist, sich während des Verzehrs der 2 Liter Box Walnusseis in den Frühjahrsausgaben der Societymagazine die wunderschönen Papparazzi-Schnappschüsse etwas zu wohlgenährter und cellulitärer Stars anzusehen, wodurch das eigene Selbstbewusstsein derart aushärtet, dass man fortan normalgewichtige Strandpromenadenflaneure als chronisch anorektisch wahrnimmt.
Effizienter, aber auch kostspieliger ist das Fettabsaugen. Für mich kommt das jedoch nicht in Frage, weil ich das als illegale Abkürzung betrachte. Außerdem ist das doch total letztes Jahrhundert. Heutzutage verschlankt man sich mittels Kryolipolyse, bei der einem die Fettzellen einfach erfroren werden. Soll übrigens auch gegen Falten helfen. Statt Botox nimmt man heute Frotox. Wahrscheinlich kommt der nächste Anti Aging Trend dann direkt von bofrost.
Und dann sind da noch diese Diäten. Lange Zeit waren das für mich ja ausschließlich die Tagessätze für Dienstreisen, weshalb ich mich stets gefragt habe, wie mir Geld für Verpflegung eigentlich beim Abnehmen helfen soll. Schlussendlich hat sich dann herausgestellt, dass es sich dabei auch um kalorienreduzierte Speisepläne handeln kann. Es existieren tausende Ratgeber und Handbücher zum Thema, Ratschläge in Rundfunk und Fernsehen und selbstverständlich der Geheimtipp des Bekannten, dessen Bürokollege eine Schwiegermutter hat, deren Dackel unlängst an einem Hund geschnüffelt hat, bei dessen Herrchen noch ein Neufundländer wohnt, der auf das Gewichtsniveau eines Chihuahua abgespeckt hat. Natürlich stellt sich die Frage, wem man nun vertrauen soll. Dem stark bulimieverdächtigen Autor, dessen Schlankheitskurlektüre sich wochenlang auf den Bestsellerlisten getummelt hat? Der pummeligen Fernsehtante, die Woche für Woche fettleibige Kinder im TV demütigt, indem sie deren Wochenration auf einmal auf den Tisch packt? Oder doch der Köterdiät?
Meiner Meinung nach kann man sich das ganze Gesülze ersparen. Langfristig betrachtet sind Diäten nämlich genauso wirkungslos gegen Übergewicht wie das klassische „Reparaturbier“ gegen ein knackiges Delirium tremens. In Wahrheit helfen dauerhaft nur elementare Kenntnisse über die Energiebilanz thermodynamischer Systeme. In der Formulierung für den menschlichen Körper etwa: Man muss weniger Energie zu sich nehmen als man verbraucht. Und das bedeutet zwangsläufig, dass man den eigenen Energieumsatz mittels Sport und Bewegung erhöhen muss, während es die Energiezufuhr durch Nahrung zu verringern gilt. Damit sich beim Abnehmen dann nicht noch unpassende Lebensfreude einstellt, erfährt man in der Detailbetrachtung, dass gelegentliches Eintauschen der Fernbedienung gegen den Gang zum Fernseher unzureichend ist. Zur Untermauerung geben die freundlichen Hinweise der Hersteller auf den meisten Lebensmittelpackungen zuverlässig darüber Auskunft, dass alles, was einem bisher lieb und lecker war, fortan tabu ist.
Ich selbst werde daher in dieser Saison meine Strandfigur wohl nur dadurch erhalten, dass ich beständig auf der Flucht vor der sich zusammenrottenden Meute von Diätaposteln und plastischen Chirurgen sein werde, die ihre Pf(r)ünde durch meine verkürzten Darstellungen dahinschmelzen sehen. Sollten Sie schon fit für Badehose oder Bikini sein: Wohlan, schönen Sommer! Und sollte Ihnen der ganze Schlankheitswahn und das Feilen an den eigenen Abmessungen zu anstrengend sein: Seien Sie getröstet, der nächste Winter kommt bestimmt.
Bookmarken & Teilen