
Ich mag nette kleine Alltagsbegegnungen. Denn der Alltag kann ja ziemlich grauslich sein. Ich mag dieses joviale Lächeln, mit dem man hin und wieder bei der Kasse vorgelassen wird oder diesen dankbaren Blick, wenn man vor jemandem ein Lokal betritt und ihm nicht die Tür vor der Nase zuschlägt. Ich freu mich immer, wenn ich bei McDonald‘s auf Wunsch ein wenig mehr Karamellsauce auf mein Eis bekomme und es nicht dauernd mit einem „Kann-ich-nicht-darf-ich-nicht“- Exemplar zu tun habe. Ich finde es nett, wenn mir jemand für den Parkautomaten freundlich meine Münzen wechselt, und ich mag es, wenn einem in der Straßenbahn der Sitzplatz angeboten wird. Allerdings nicht unbedingt mir, das wär gemein. Aber so grundsätzlich.
Und ich mag: Den Zebramann.
Ich hab ihn schon als Kind so genannt. Immer, wenn im September die Schule losgeht, viele kleine Kinderleins von ihren Eltern mit glasig glücklichen Augen nach zwei Monaten Folter wieder aus dem Haus geschickt werden können, steht er morgens an der Straße und lässt höchstpersönlich allerlei Menschen darüber. Er ist der Herr des Zebrastreifens, der Wächter der Straßenüberquerung.
Ich find‘s super, wenn er extra für mich den Straßenverkehr aufhält, seine rotreflektierende Kelle zückt, die Arme quer zur Straße ausbreitet und nur für mich sozusagen Spalier steht. Ein erhebendes Gefühl. Wenigsten einmal am Tag komme ich mir da wichtig vor. Nur mehr getoppt durch das Gefühl, bei der Arbeit als erste am Kaffeautomaten zu sein.
Jeden Morgen auf dem Weg zur Straßenbahn sieht er mich schon von weitem, stellte sich auf die Fahrbahn und wartet, bis ich komme. Währenddessen müssen natürlich auch die Autofahrer warten, selbst wenn ich noch zwanzig Meter entfernt bin. Ich hab mir zwar schon öfter gedacht, dass es ja eigentlich auch genügen würde, wenn der Zebramann erst dann seines Amtes waltet, wenn ich schon am Straßenrand stehe. Aber das will er offenbar nicht.
Letztens habe ich schon aus dreißig Metern Distanz ein „Guten Mooorgen“ vernommen. An mich gerichtet, jedoch mit diesem feinen Unterton, der da sagt: „Guten Morgen, du stöckelnde Dame, gib gefälligst ein biss‘l Gas, ich kann hier den Verkehr nicht so lange in Schach halten!“ Na ja, irgendwie hat er ja auch recht.
Jetzt habe ich allerdings eine gewisse Nervosität an mir bemerkt, wenn ich mich dem besagten Fußgängerübergang nähere. Ich hoffe, dass sich der Zebramann niemals eine bessere Brille anschafft, denn dann müsste ich meinen Start für jede Dioptrie um zehn Meter vorverlegen.
Jüngst vernahm ich das „Guten Mooooorgen“ noch bevor ich ihn zu sehen bekam. Während ich meinen Schritt leicht beschleunigte, hörte ich hinter mir hastige kleine Volksschülerfüße trippeln, gemeinsam mit dem typischen Geräusch einer halbgefüllten Schultasche, in der allerlei Krimskrams durcheinander fliegt. Ein kleiner Bub überholte mich, er fühlte sich offenbar auch vom Zebramann angesprochen und war somit ebenfalls zu einem Teil seiner Abhängigkeitsriege geworden. Plötzlich nahm ich Dinge wahr, die mir bis dato verborgen geblieben waren. Eine alte Dame neben mir hatte ihren Gehbock offensichtlich auf volle Stärke geölt und humpelte verängstigt über die Straße. Drüben angekommen musst sie sich kurz auf einen Klappsessel setzte, den sie offenbar extra für diese Zwecke dort positioniert hatte. Plötzlich fiel mir auf, dass außer ihr, dem Knirps und mir kein anderer über den Zebrastreifen ging, als würde jeder diesen Bereich meiden. Ich sah verstohlenen Blicke, Menschen, die nur wenige Meter entfernt ungesichert quer über die Fahrbahn liefen, nur um nicht unserem Zebramann in die Hände zu fallen.
Jetzt erkannte ich alles. Ich war nur das kleine unbedarfte Rad, die letzte Bastion des Zebradiktators. Ich musste mich wehren, so ging das doch nicht! Wir lebten doch in einer Verkehrsdemokratie! Daher machte ich mich auf die Suche nach einer konstruktiven Lösung und suchte nach einem alternativen Weg zur Straßenbahn. Ich zweigte einfach eine Straße früher ab. Als dann jedoch die Häuser rarer, die Wälder dichter und überhaupt alles ein wenig schauriger wurde, hatte ich keine Ahnung mehr, wo ich war und musste ein Taxi aufhalten, um noch rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Am nächsten Tag fügte ich mich wieder dem Zebramann, tatsächlich sah er mich schon aus fünfzig Meter Entfernung, ich hastete los, und außer Atem kam ich mit hochrotem Kopf beim Diktator an.
Am Abend erzählte mir mein Nachbar, dass er geschlagene sieben Minuten im Auto an einem Zebrastreifen in unserer Nähe warten musste, bis irgendeine zickige Tussi sich endlich entschließen konnte, die Straße zu überqueren. Er hatte vorher umgedreht und offenbar den schaurigen Weg in die Stadt vorgezogen. Dass ich die zickige Tussi war, mochte ich ihm nicht sagen und empörte mich gemeinsam mit ihm über die rücksichtslosen Menschen.
Das konnte nicht so weitergehen, ich wollte mich nicht so einfach unterbuttern lassen, auch wenn der Zebramann schon seit Kindheit mein Held gewesen war. Ich beschloss, ihn darauf anzusprechen. Subtil und mit Hintergedanken, wie es unter Erwachsenen üblich war.
Am nächsten Tag schlenderte ich betont langsam zur Straßenbahn, was zu einer beträchtlichen Zeitverzögerung führte. Doch als ich beim Zebrastreifen ankam, war da kein Zebramann. Plötzlich fühlte ich mich leer und verloren. Ich stand lustlos an der Gehsteigkante. Autos kamen, Autos fuhren, Autos hupten mich an, darunter auch mein Nachbar. Ich machte einen Versuch, auf die Straße zu treten, aber niemand hielt an. Ohne den Zebramann war ich zu einer Unsichtbaren geworden. Niemals würde ich diese Straße überqueren können. Ich kehrte um und ging nach Hause. Das Leben war sinnlos geworden ohne den Zebramann, das musste ich mir jetzt eingestehen. Mein Straßenweltbild fiel auseinander.
Gestern war wieder alles beim alten. Der Zebramann war da, er rief genervt „Guten Mooooorgen“, ich hechtete los, überholte sogar noch den kleinen Bub und die alte Frau und konnte ohne Probleme über die Straße laufen. Drüben musste ich mich allerdings auf den Klappsessel setzen, aber das machte mir nichts aus. Ich war zufrieden. Ich hatte eine fundamentale Wahrheit erkannt: Ich war einfach noch nicht reif für Demokratie. Zumindest auf dem Zebrastreifen.
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Es könnte zwar die Möglichkeit bestehen das wir den gleichen Zebramann kennen, aber bei der Menge an Schulen und dazugehörender Straßenübergänge (selbst in Graz) wäre es auch möglich das es einfach mehrere solcher Ditkatoren gibt.
Denn bei meinem Arbeitsweg komme ich auch bei einem Zebrastreifen und dazugehörendem Zebramann vorbei, wobei ich gleich erwähnen muss das ich das Glück habe nicht auf die gegenüberliegende Straßeseite wechseln zu müssen.
Meine erste Begegnung war auch so wie von dir beschrieben, außerst charmant. Wenn man von einer wildfremden Person gegrüßt wird, was in unseren Breitengraden doch eher sehr unwahrscheinlich ist, und in den frühen Morgenstunden an ein Wunder grenzt, kann ja kaum jemand bestreiten das man sich da gleich wichtiger fühlt. Hatte ich dann noch einen Coffee to go dabei war er noch freundlicher und hat sogar ein weiteres Wort an mich gerichtet, was mich doch sehr gefreut hatte.
Doch irgendwann einmal stand bei ihm schon jemand der ihn in Beschlag genommen hatte und so kam es, dass ich völlig vor den Kopf gestoßen wurde und nicht mal ein „guten Morgen“ vernommen hab. Beim ersten mal wollte ich da noch nicht so kleinlich sein, ist er halt nicht Multitasking fähig, wie wir Frauen. Ich war geneigt ihm das zugute zuhalten. Aber sobald ich mir dann mal erlaubt habe mit Handy am Ohr vorbei zugehen und ihm nur zuzunicken, weil ich in ein Gespräch vertieft war, konnte ich seinen bösen Blick im Rücken spüren, und irgendwie lief der Tag dann auch nicht so schön rund, wie wenn ich voll Freude über ein mehr oder weniger nettes „Guten Morgen“ gut gelaunt im Büro angekommen bin. Schon nach kürzer Zeit fragten mich meine Kollegen was denn los sei und ich musste mir eingestehen, dass es wohl oder übel am Zebramann lag. So leg ich nun sobald ich mich seiner Kreuzung nähere jegliche Ablenkung beiseite, der iPod wird abgeschaltet und auch ein jedes Telefonat wird kurzerhand einfach abgebrochen, nur um ihm, auch wenn er in ein Gespräch vertieft sein sollte, 100% Aufmerksamkeit schenken zu können. Nur in der Ferienezeit muss ich sagen fehlt er mir dann doch.