
Heute ist anders. Natürlich, Sie haben recht, auf vielen Gebieten. Aber was scheren mich die, die wohnen ja nicht plötzlich neben mir. Aber unser neuer Nachbar eben schon. Und der ist auch anders. Zumindest anders als ich und der Rest der echten Menschen auch. Unser Nachbar ist nämlich kurz gesagt der Parademann. Bei eingehender Betrachtung des Sachverhalts fällt einem jedoch auf, dass es dazu heute deutlich mehr bedarf als früher.
Ich werde es Ihnen an ein paar Beispielen verdeutlichen. Sean Connery war zwar DER James Bond, aber Daniel Craig ist der James Bond mit DEM Körper. Um noch anschaulicher zu werden: Als die Serie Baywatch zum ersten Mal über die Bildschirme flackerte, konnte auch David Hasselhoff noch Mitch Buchannon spielen. Damals war es genug, die Luft anzuhalten, den Bauch einzuziehen und das jämmerliche Speckfaltenvegetieren des selben, das verblüffend an das Männchen einer bekannten Reifenmarke erinnert, durch ein paar leichtbekleidete Frauen zu kaschieren. Wobei ich anfügen möchte, dass ich die Leistung von Herrn Hasselhoff in keine Weise schmälern möchte, denn versuchen Sie mal gefühlte zwanzig Jahre ohne Luft holen zu können über den Strand zu laufen. Das geht nicht nur an die Substanz, das drängt auch die Frage auf, wie es ihm jemals möglich gewesen sein kann, einen Quasiertrunkenen mittels Beatmung wieder unter die Lebenden zu holen. Nun ja, auf jeden Fall wäre das heute viel zu wenig, ein heutiger Mitch müsste aussehen wie mein Nachbar
Dieser Mann ist ein Modellathlet! Man könnte sagen, er ist ein Conan aber kein Barbar. Er ist der Hulk aber ohne das steroidverdächtige Grün. Er ist Rocky, nur ohne Gesichtslähmung. Und er ist noch mehr: Er ist schön! Er ist wie ein Brad Pitt im Oktober 1999. Nicht wie einer im November. Fragen Sie mich nicht wieso, aber die fachkundige Frauenwelt unterscheidet zwischen einem Prä- und einem Post-„Fight Club“ Bradley. Er ist wie ein Johnny Depp. Ohne Tim Burton. Wie Chris Hemsworth. Nur ohne den albernen Hammer. Er ist wie George Clooney. Nur ohne…, ohne…, ach was soll’s, er ist wie George Clooney.
Sie erkennen das Dilemma. Unser neuer Nachbar ist nicht nur ein Mann aus Stahl, kantig und muskulös, er ist der optische Inbegriff des Maskulinen und obendrein so gutaussehend, dass selbst ein früher Markus Schenkenberg vor Neid zerplatzen würde. Ich kann also mit Fug und Recht behaupten, dass ich ihn kein bisschen leiden kann. Neid? Minderwertigkeitsgefühle? Na aber wie! Vor allem vor dem Hintergrund, dass sämtliche Frauen aus der Nachbarschaft mit Präsentkörbern vor der Adonis-Tür standen, noch bevor das erstes Möbelstück ins Haus getragen war. Sämtliche Frauen schließt meine Frau mit ein, und Präsentkörbe schließt jenen mit ein, in dem sich die Köstlichkeiten befanden, die eigentlich mein Abendessen hätten bilden sollten.
Es musste etwas getan werden. Nur was tun ohne die Restselbstachtung zu verlieren? Ein chirurgischer Eingriff, um in Ordnung zu bringen, was die Genetik in meiner Visage vermasselt hat, kam schon mal nicht in Frage. Ich würde mich daher darauf konzentrieren, den eigenen Körper zu stählen und Muskeln so massiv wie Kernreaktoren ins wabbelige Fleisch zu meißeln.
Die Schwächen meines Plans offenbarten sich kurz nachdem ich durch die Tür des von mir auserkorenen Fitnessstudios getreten war. Die Szene lief ab wie in einem schlechten Western. Es wurde totenstill, alles drehte sich zu mir um, und irgendwo weiter hinten wehte ein locker verdichteter Strohballen, frisch dem Hirn eines Anabolika-Heros (griechisch nicht englisch) entwachsen, durch die testosteronschwangere Luft. Die Kennerblicke erkannten sofort: Nein, das ist keine von uns. Das änderte sich nicht gerade, als ich meinen schlaffen, bedenklich nach Fitnesshavarie aussehenden Körper im Sportoutfit präsentierte. Als ich kurz darauf beim Bankdrücken unter der Langhantel zusammenbrach und mich damit fast selbst erwürgte, besserte sich die Grundhaltung, die man mir entgegenbrachte dann kurzzeitig. Das verächtliche Grinsen wich dem offen zur Schau gestellten Mitleid.
Für mich war das der Zeitpunkt, mir selbst übermenschliche Fortschritte beim Training zu attestieren, weshalb kein weiterer Aufenthalt in einem Fitnessstudio mehr nötig wäre. Ich entschied, dass es an der Zeit war, überschüssiges Fett loszuwerden, und da war Jogging das Mittel zur Wahl. Ich holte meine alten Laufschuhe aus dem Keller und war gezwungen, eine kleine Mäusefamilie zu delogieren, bevor ich die ausgelatschten Nike’s wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zuführen konnte.
Schon in den ersten fünf Laufminuten merkte ich, dass meinen Anstrengungen Früchte trugen. Ich fühlte das Fett dahin schmelzen, wie die Damenwelt angesichts meines Nachbarn. Ohne Probleme kam ich vorwärts, locker und souverän, mit einer Energie, über die sonst nur Spitzensportler verfügen. Mein Verstand fokussierte sich so sehr auf meine Laufstrecke und die unmittelbar bevorstehenden physischen Erfolge, dass ich die knapp neunzigjährige Dame fast nicht gesehen hätte, die mich mit ihrem Rollator unbotmäßig rechts überholte. Interessanterweise regte ich mich nicht sonderlich über dieses gemeingefährliche Manöver auf, was nur dadurch zu erklären ist, dass mein Körper damit beschäftigt war, einen stattlichen Myokartinfarkt zu vermeiden. Wie es sich gehört, half auch mein Gehirn mit und tat, was Gehirne eben tun, wenn sich der Körper anschickt, mehr jenseitig als diesseitig zu sein: Ich konnte mich von außen beim Joggen beobachten. So war es mir auch möglich, die klassische „Gnadengesuchshaltung“ zu erkennen, die ungeübte Marathonaspiranten gerne beim Laufen einnehmen.
Durch diese transzendente Erfahrung wurde mir klar, dass mich mehrwöchige Reha-Aufenthalte nach jedem Training doch eher zurückwerfen würden, weshalb ich beschloss, die körperliche Fitness vorerst zurück zu stellen. Was nun noch übrig blieb war, mich, auf für Männer „legale“ Art, um das Aussehen meines Körpers zu kümmern. Ganz oben auf der Liste stand somit das Einkleiden mit Designermode. Im Prinzip ein guter Ansatz, hätte ich nicht das Problem, dass Verkäufer so gar nicht meine Kragenweite sind. Aber das ist eine andere Geschichte (Verkäufer sind nicht meine Kragenweite).
Maniküre, Pediküre, neuer Haarschnitt, Dreitagebart und ein Bleaching, sprich der kleine Pickerlservice, der zugegebenermaßen bereits einiges beinhaltet, was sich eher am Rande der Legalität befindet, konnte leider auch nicht richtig überzeugen. Als ich mich schließlich selbst wiederfand, wie ich Internet gerade auf der Suche nach einem Bauchmuskel-Brustpanzer im Stil von Batman war, beschloss ich, dass es absolut keinen Sinn hatte, weiter in körperliche Konkurrenz zu meinem Nachbarn zu treten.
Es war an der Zeit, ihm auf einem Terrain entgegenzutreten, auf dem der Kampf aussichtsreicher war. Mein Verstand musste das Problem beseitigen. Dieser riet mir, dass, wenn ich meinen Nachbarn schon nicht schlagen konnte, ich ihn wenigstens beseitigen müsse. Ich musste mich also endgültig meines Nachbarn entledigen, ihn mir ein für alle Mal aus den Augen schaffen. Genau das tat ich auch, indem ich bei einem knappen Duzend Modelscouts anrief und in den schillerndsten Farben davon berichtete, dass im Haus neben mir der perfekte Mann wohnen würde. Und tatsächlich, schon zwei Wochen später hatte er mehrere hochdotierte Engagements und zog wieder aus.
Mittlerweile geht alles wieder den gewohnten Gang. Die apokalyptische Bedrohung ist weg, meine Frau nicht mehr hysterisch und mein Selbstbewusstsein wieder vorhanden. Das Einzige was stört ist, dass mir mein ehemaliger Nachbar nun beim Verzehr meines wiedererlangten Abendbrots täglich im Fernsehen die neuesten Boxershorts von Calvin Klein präsentiert.
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