
Es ist ja keine kolossale Neuigkeit und nichts was es auf die Titelseiten des Boulevards schaffen würde (wobei ich mir bei letzterem nicht so sicher bin), aber es ist eben so, dass Männer und Frauen oftmals andere Denkzugänge haben. Meine Frau und ich sind da ein schönes Beispiel. Wir denken, relativitästheoretisch betrachtet in völlig unterschiedlichen Inertialsystemen. Sie denkt schnell, und ich, nun ja, ich denke langsam.
Das alleine wäre nicht zwangsläufig ein Problem. Unverständlicherweise verspürt meine Frau jedoch immer wieder den Wunsch, mit mir zu interagieren. Und zwar auf ihrem Mach-4-Niveau, was meinem durchschnittlichen Dreiradtempo nicht gerade entgegenkommt. Genauer gesagt sorgt das in meinem Oberstübchen regelmäßig für Chaos, das verblüffend an Pompeij kurz nach dem Ausbruch des Vesuvs erinnert.
Für mich ist langsam zu denken, neben einer offenbaren Notwendigkeit, die auf physische Restriktionen seitens meines zerebralen Cortexes zurückzuführen ist, auch ein gewisser Luxus. Ich weiß, es klingt geradezu klischeeverbrannt, aber wir leben heute in einer rasant schnellen Zeit. Das hat zur Folge, dass auch ich den größten Teil der Woche darum bemüht bin, rasche synaptische Verbindungen vorzutäuschen. Ich habe sogar schon überlegt, eine NOS Anlage in mein Gehirn einbauen zu lassen, oder wenigstens einen Turbolader. Am Wochenende und an den Abenden bin ich also äußerst euphorisch, wenn meine grauen Zellen den Dreiradler in behaglichem Strampeltempo manövrieren und dem wohlverdienten, angestammten Müßiggang frönen.
Oder besser gesagt, ich wäre froh, denn zumeist kommt es nicht soweit. Das wiederum hat mit dem bereits angesprochenen, auch zoologisch äußerst interessanten Artverhalten der Rübe meiner Frau zu tun. Meine Frau denkt nämlich so schnell, dass sie selbst unsere rasende Zeit, wurmlochartig, links überholt. Ohne nachgesehen zu haben, aber ich bin ganz sicher, dass sich irgendwo in ihrem Kopf ein Fluxkompensator befindet, der diese erstaunliche und beängstigende Leistungsfähigkeit bedingt.
Für sich genommen sind die kognitiven Fähigkeiten meiner Frau selbstverständlich bahnbrechend und atemberaubend, und handelsübliche Genies huldigen ihrer Rechenleistung. Allein, mich kann ihre geistige Übermacht schon mal in den Wahnsinn treiben. Nicht weil wir im selben Bett schlafen, und Genie und Wahnsinn bekanntermaßen nahe beieinander liegen, sondern weil das intellektuelle Dauerfeuer meiner Frau, das den Roten Baron vor Neid hätte erblassen lassen, mich restlos überfordert. Ich versuche zarte Gedankenpflänzchen zu hegen und zu pflegen, damit sie langsam wachsen und gedeihen, und wenn dann einmal tatsächlich eines erblüht, dann freue ich mich. Doch kaum beginnt sich die erste Blüte zu öffnen, wird die ganze Pflanze von den neuronalen Geschossen der Gedankenarmada meiner Frau perforiert.
Soweit mein Spatzenhirn das überblicken kann, macht sie das jedoch nicht absichtlich. Sie kann einfach nicht anders. Würde sie ihre vielen Ideen und Überlegungen auch nur fünf Sekunden für sich behalten, würde sie augenblicklich einen Schädelbasisbruch erleiden oder zumindest implodieren. Genaugenommen ist meine Frau sogar sehr bescheiden, und will kein Aufheben um ihre zentrale Recheneinheit machen, aber gegen ihren Selbsterhaltungstrieb sind sogar ihrem scharfsinnigen Verstand Hände und Ganglien gebunden.
Bildlich würde ich meine Lage in etwa so beschreiben: Es ist, als würde ich mit Schwimmflügeln bewaffnet in einem Kinderplanschbecken sitzen, und innerhalb einer Nanosekunde stürzt der Gesamtinhalt des pazifischen Ozeans über mich herein.
Während ich bemüht bin, Ihnen die Kunde darüber zu überbringen, wurde ich bereits an die 3869 Mal aus meinen Gedanken gerissen, weil meine Frau einen Einwurf, Vorwurf, Entwurf oder Verwurf (eines meiner Denkprodukte versteht sich) gemacht hat. Alles außer einem Auswurf war schon dabei, obwohl ich sicher bin, dass der noch kommen wird, da so viel Gehirn in einem einzelnen Kopf auf Dauer unmöglich Platz haben kann.
Es stimmt schon, auch das Gehirn meiner Frau tritt hin und wieder kürzer. Etwa wenn sie schläft. Und an schlechten Tagen würde sie Deep Blue nicht in fünf Zügen matt setzen und keinen Roman im Format eines Marcel Proust in einer halben Stunde diktieren. Sie würde schätzungsweise neun Züge benötigen und sich eine ganze Stunde Zeit nehmen, oder sich auf Robert Musil „herunterhandeln“ lassen. Aber weniger ist ausgeschlossen, und das hat etwas sehr Erbauliches an sich, das mich mit ihrem Ideenprestissimo wieder versöhnt: Gedankenlosigkeit ist ausgeschlossen.
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Hallo Maximus!
Du schaffst es immer wieder mich umzustimmen wenn ich schon die gesamte Männerwelt für immer abschreiben wollte.
Ich find es gibt wohl wenig bessere Liebesbeweise (die nicht als ganz und gar schnulzig abgetan werden können) als offen anzuerkennen das deine Frau schlauer ist als du.
Liebe Grüße
Liebe Schuhbidu!
Also erstmal Danke für Deine netten Worte. Tja was soll ich sagen, Ehre wem Ehre gebührt. Und wenn dieser nervige Herr Kishon nicht bereits von „der besten Ehefrau von allen“ gesprochen hätte, dann könnte ich das jetzt verwenden. Na ja, man kann nicht immer erster sein.
Aber ich denke, dass es ein, zwei Minuten zu früh ist, um der gesamten Männerwelt für immer abzuschwören. Ich gebe nur zwei der unzähligen Zitate von Oscar Wilde zum Thema zu bedenken: „Frauen sind Gemälde. Männer sind Probleme“ und „Gegenüber sehr attraktiven Frauen ist meist der Mann der Schutzbedürftige“. Das zeigt, wie prekär unsere Lage als Männer ist. Also schreib uns noch nicht ganz ab!
Liebe Grüße
Maximus
… ich schick meinem Mann jetzt nen Link zu diesem Blogeintrag 😀
und getreu dem schwäbischen Männer-Motto für alle Leistungen der Frau „net g’schupfe isch g’lobt gnuag“ sag ich jetzt auch net mehr dazu!
Herzlichste Grüße aus dem Schwabenland!