
Es ist ein höchst erstaunliches Kuriosum: Kaum wird es draußen wärmer, was in nicht mit Klimaanlagen gesegneten Räumen fast unausweichlich dazu führt, dass es auch drinnen wärmer wird, legen die Menschen die seltsamsten Verhaltensweisen an den Tag, um besser mit der Hitze fertig zu werden. Meist hat das zur Folge, dass sie entweder von sturzbachartigen Schweißausbrüchen heimgesucht werden, oder gleich direkt ins Hitzekoma überwechseln.
Ich weiß ja nicht, in welch glücklichem Teil der Welt Sie sich befinden mögen, oder in welcher klimatischen Zone Sie sich gerade aufhalten, aber wir hier bei uns, wir haben gerade Sommer. Das ist soweit auch gar nicht so schlimm, wie es sich vielleicht anhören mag. Das Wetter ist schön, man muss nicht mehr völlig vermummt aus dem Haus gehen, um dem Kältetod zu entgehen, die Natur erblüht, viele haben Urlaub, die Kinder haben Ferien, und es ist warm. Alles ganz toll. Wäre es nicht so warm! Und mit „so“ meine ich natürlich „soooooooo“, was jedoch im Allgemeinen als theatralisch oder hochtrabend rüberkommt.
Einigen wir uns also darauf, dass uns hier eine derart ausgewachsene Hitzewelle überrollt hat, dass ich den paar Grad prognostizierter globaler Erwärmung äußerst gelassen entgegenblicke. Und zwar nicht einer Hitze von der Kinderkramsorte, wie im kalifornischen Death Valley oder der iranischen Lut Wüste. Ich spreche von echter, qualitativ hochwertiger Hitze. Also genauer gesagt natürlich von ECHTER Hitze, aber auch diese Schreibweise scheint sensationslüstern vorbelastet zu sein. Ich spreche von gefühlten 23.867°. Celsius! Nicht Fahrenheit! Im Schatten! Während ich diese Zeilen schreibe, bin ich bereits nicht mehr in der Lage zu unterscheiden, wo das Leder des Sessels aufhört und meine Haut anfängt. Diese Verwachsung könnte schon bald Stilblüten treiben, beispielsweise, wenn mich mein Arzt beim nächsten Gesundheitscheck fragt, ob ich schon Stuhl hatte.
Wobei ich zu meiner Verteidigung hinzufügen möchte, dass es ganz und gar nicht so ist, dass ich mich mit nacktem Oberkörper auf den Sessel gesetzt habe. Es ist nur so, dass mein Hemd beim Erstkontakt mit der Sessellehne instant verdampft ist.
Wie dem auch sei, eigentlich wollte ich Ihnen ja von den kreativen aber auch skurrilen Wärmebekämpfungsstrategien berichten, die mir in letzter Zeit aufgefallen sind. Nicht zuletzt bei mir selbst, wie ich gestehen muss. Man mag mutmaßen, ob aus Stolz oder aus reinem Altruismus, aber ohne Hemd herumzulaufen kommt für mich außerhalb von Bädern nun mal nicht in Frage. Andererseits kann ich es mir einfach nicht leisten, dass sich jeden Tag vier bis fünf Hemden buchstäblich in Luft auflösen. Daher habe ich noch schnell, bevor ich zu schreiben begonnen habe, der Amazon Produktempfehlung mein Vertrauen geschenkt und ein Hemd mit Teflonbeschichtung bestellt. Sie finden das vielleicht übertrieben, aber ich sage Ihnen, schon morgen werde ich darauf ganz wunderbar ein Spiegelei rückstandfrei kochen können.
Meine Nachbarn verfolgen da einen ganz anderen Ansatz. Also zumindest Herr Nachbar. Frau Nachbar findet den Ansatz nämlich dämlich. Das wiederum liegt daran, sagt Herr Nachbar, dass Frau Nachbar jedes logistische Verständnis fehle. Nun ja, jedenfalls versuchen die beiden seit knapp zwei Wochen alle ihre Termine vor Sonnenaufgang unterzubringen. Oder zumindest vor Erreichen der 20.000° Marke. Berufliche Einsätze legt Herr Nachbar gerne auf das Zeitfenster zwischen Mitternacht und drei Uhr früh. An sich ein kluger Schachzug, allerdings sind diese Geschäftszeiten für einen Solartechnikbetrieb eher unkonventionell. Privates wird dann zwischen drei und fünf erledigt, Sozialkontakte werden von fünf bis sieben gepflegt. Leider zeigten sich gleich zu Beginn die Schwächen dieses Plans, weil die allgemeine Akzeptanz der vorgeschlagenen Uhrzeiten merklich zu Wünschen übrig ließ. Selbst gute Bekannte, wie meine Frau und ich, haben hier verweigert, weil sich diese wenigen Stunden ganz hervorragend eignen, um ein wenig zu schlafen, bevor sich die Augenlieder wieder temperaturbedingt aufbiegen.
Mein Bruder hat es eine Zeitlang damit versucht, sich ausschließlich in Räumen mit leistungsstarken Klimaanlagen aufzuhalten. Hat er sich früher bei Geschäftspartnern nach dem werten Befinden des jeweiligen Ehepartners erkundigt, fragt er heute, ob das Kühlaggregat wohlauf ist. Das ist durchaus nicht mehr ungewöhnlich, denn viele sprechen inzwischen vom Jahreszeitenabschnittspartner. Standorte und Qualität von Klimageräten und Eisschränken hat er inzwischen fein säuberlich kartographiert und mit möglichen Routen im Stadtplan abgeglichen. Trotz aller Akribie ist es ihm aber nie gelungen, eine durchgängige Kühlkette aufrecht zu erhalten. Irgendwo gab es immer eine unvorhersehbare Lücke. Einmal hatten sich die Öffnungszeiten des Eissalons geändert, einmal war die Eiswürfeltruhe an der Tankstelle, in der er sich zwischenkühlen wollte, bereits leer, als er ankam, und einmal war die Stickstoffkühlung des Teilchenbeschleunigers aus der Nachbarschaft ausgefallen. Das hat natürlich dazu geführt, dass er weite Strecken im Sprint auf Olympianiveau zurücklegen musste und dabei Wassermengen verlor, die den Aralsee problemlos auf seine ursprüngliche Größe anwachsen lassen würden.
Meine Frau ist die Einzige, die selbst bei diesen Temperaturen kühlen Kopf bewahrt. Das kommt daher, dass man sie immer häufiger in unserem mittlerweile großzügig ausgebauten Gefrierschrank antrifft, neben dem selbst Superman’s Eispalast wie ein Schlumpfhaus wirkt. Abgesehen von meinem Hemdproblem, hat sich die Hitzewelle damit für mich sogar als positiv und präventiv erwiesen, denn normalerweise hätte mich die letzte Stromrechnung eiskalt erwischt.
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Mike empfiehlt dazu Ice Age 4 Continental Drift, ab sofort in einem Kühlhaus in Ihrer Nähe.