
Heute Nacht wurde uns vom Internationalen Erd-Rotations-Service eine Sekunde geschenkt. Eine Sekunde, die uns in den letzten Jahrzehnten irgendwie verloren ging und wieder zugeführt werden muss.
Wir haben heute also eine zusätzliche Sekunde. Eine sechzigstel Minute, der 86400ste Teil eines Tages. Eine Sekunde, was ist das schon, denkt man sich vielleicht, denke ich mir.
Eine Sekunde, ein Augenaufschlag, ein Augenblick. Der entscheidende Blick auf die Straße, bevor man darüber geht. Ein Gedanke, der alles verändern kann. Der Herzschlag, der uns, bereits klinisch tot, wieder ins Leben zurückholt. Die Sekunde der Befruchtung, wenn aus Nicht Leben, Leben wird. Der wärmende Moment eines plötzlichen Sonnenstrahles. Die Sekunde, bevor eine Bombe entzündet, das Stopp des Countdowns, die Sekunde, um die wir uns zu spät angeschnallt haben.
Sekunde über Sekunde eine Möglichkeit. Die Sekunde, in der wir nicht das entscheidende Wort gesprochen haben, wo wir nicht zurückgeschaut haben und den Blick unseres zukünftigen Partners erhascht haben. Die Sekunde, die nicht der Anfang von etwas Großem geworden ist, oder in der wir die Herdplatte vor dem Opernbesuch nicht abgedreht haben, uns nicht zu jenem Abflugstermin entschlossen haben, an dem wir zufällig neben einer älteren Dame gesessen hätten, die sich spontan entschlossen hätte, uns ihr Haus in Spanien bis auf weiteres zur Verfügung zu stellen, einfach weil wir wir sind, und nett.
Die Sekunde, die uns ins Innere eines Menschen blicken lässt, der Moment der Erkenntnis, des Verstehens oder des Erschauerns. Sekunden des Lachens, des Lächelns, des Weinens und des Verzeihens, der Verzückung, der Entrückung, des Zerstörens und des Schweigens.
Eine geschenkte Sekunde.
Ich hab meine heute schon gefunden. Und Sie?
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So viele, so wertvolle und teils sehr schwerwiegende Gedanken, in so meisterhafte Worte gefasst! Ich bin noch immer ganz bewegt und habe gestern noch lange nach dem Lesen darüber nachgedacht.
Liebes Heideblümchen,
Dankeschön! Hin und wieder schlüpft auch die Schreibselbraut aus ihrem satirischen Sommerkleidchen und wirft sich in den Mantel der Ernsthaftigkeit (und hofft, dass es keiner bemerkt :-))
[…] längerem hat sich Schreibselbraut der „Sekunde“ mit einem Blogeintrag (Plädoyer für die Sekunde) angenähert. Für das Magazin „Abenteuer Philosophie“ (www.abenteuer-philosophie.com) hat sie […]