
Nicht, dass wir Männer einen solchen Survival Guide nötig hätten, schließlich handelt es sich bei der EM doch um die anerkanntermaßen schönste Zeit des Jahres. (Mit Ausnahme der WM vielleicht. Aber günstigerweise finden diese beiden wunderbaren Ereignisse nie im selben Jahr statt.) Dennoch kann es geschehen, dass gewisse Umstände eintreten, die einen Überlebensratgeber zu einem wertvollen Begleiter machen. Und mit gewissen Umständen meine ich, dass eventuell, bei der einen oder anderen EM Party, auch Mädchen zugegen sind. Dieser Umstand ist selbstverständlich in vielerlei Hinsicht als suboptimal einzuschätzen. Das liegt jedoch nicht an den Mädels, sondern an uns Jungs. Denn zu Zeiten erhöhten Fußballaufkommens entwickeln wir genetisch prädisponierte Verhaltensweisen, die vom anderen Geschlecht nicht richtig decodiert werden können, was dann wiederum gerade bei den schönsten Fußballmomenten zu, sagen wir mal, Spannungen führen kann. Folgende lehrreiche Fallbeispiele und Regeln können Ihnen nun dabei helfen, auch aus einem östrogenschwangeren Fußballfest eine halbwegs runde Sache zu machen.
Grunzen, Fluchen, Jubeln
Zu jedem guten Spiel gehört unter Männern klarerweise ein wenig primatenhaftes Gegrunze, ein paar kleinere Ausfälle zur Missmutsbekundung und natürlich frenetischer Jubel, gefolgt von glückseliger, freundschaftlicher Umarmung. Vorsicht, dieser harmonische, im natürlichen Fluss liegende, Ablauf kann völlig aus dem Gleichgewicht geraten, wenn ein oder mehrere Weibchen anwesend sind. Wir sind klarerweise verunsichert, trauen uns nicht als Co-Kommentatoren alles zu geben, haben Angst, als primitiv abgestempelt zu werden. Aber lassen Sie sich nicht täuschen. Frauen mögen ein wenig Primitivität bei Männchen. Wichtig ist nur, dass Sie die Balance halten. Achten Sie auf die richtige Mischung aus nicht allzu großer Verbalentgleisung und einer etwas kleineren Menge an Jubel als angemessen. Sie werden sehen, den ausgewogenen Fluch-Gefühlsausbruch-Cocktail finden Frauen attraktiv, und schon können Sie beim nächsten Tor eventuell nicht Ihren alten Kumpel, sondern Ihre neue Freundin umarmen.
Abseitsregel
Kein Survival Guide ohne Abseitsregel! Generationen von Buben haben über diese Regel diskutiert, geschimpft und sie wortreich und beifallhaschend völlig falsch erklärt. Vor allem den unwissenden, wie gleichwohl gelangweilten Mädchen. Hier gilt es heutzutage besonders aufzupassen. Die Zeiten haben sich geändert: viele Männer predigen nach wie vor ihre eigene, ganz private „Abseitswahrheit“, während Frauen diese immer öfter nicht mehr als uninteressant abtun, sondern mit dem Smartphone bewaffnet den entsprechenden Wikipedia-Artikel lesen und unsere Bildungslücken rigoros aufdecken. Daher verursacht die Anwesenheit von Frauen beim Fußballschauen auch ein solches Unbehagen in uns. Ein vormals herzhaftes „ABSEIIIITS!!! Schiri wir wissen wo Dein Auto stand…“ bleibt einem da heute schon mal im Hals stecken. Also gewinnen Sie Terrain zurück und erinnern Sie sich genau: Ein Spieler befindet sich im Abseits wenn er, im Moment der Ballabgabe durch einen Mitspieler der eigenen Mannschaft (a) in der gegnerischen Hälfte, (b) näher an der gegnerischen Torlinie als der Ball und (c) der gegnerischen Torlinie näher als der vorletzte Gegenspieler ist.
Bier
Das Nationalgetränk im globalen Fußballdorf ist ja bekanntlich Bier. Viel Bier. Das ist an sich schlau eingerichtet, wäre da nicht die rigide durchgehaltene Ablehnung seitens der Frauen. Nun liegt es an Ihnen, Entwicklungshilfe zu leisten. Die weibliche Gerstensaftintoleranz ist nämlich tatsächlich auf physische Ursachen zurückzuführen: Frauen sind von Geburt an unterhopft. Dieses Defizit müssen Sie unter allen Umständen ausgleichen. Stellen Sie daher alle möglichen Substanzen bereit, die man zwar prinzipiell mit Bier mischen kann, wobei Sie tapfer einen spontanen Ekelanfall unterdrücken müssen: Orangen- oder Kräuterlimonade, Cola, Himbeersirup und ähnlich Abartiges. Sicher, einen solch barbarischen Verstoß gegen das Reinheitsgebot hat sich das edle Gebräu gewiss nicht verdient und ist unter ethischen Gesichtspunkten abzulehnen, aber denken Sie, bevor Sie abwinken, noch mal daran, wie entspannt der Fußballabend dadurch werden kann.
Pinkelpause
Die männliche Blase ist auf 2,5l bzw. 120 Minuten Nettospielzeit, zuzüglich Elfmeterschießen-Reserve ausgelegt. Je nachdem, was früher eintritt. Die Blase einer Frau hat hingegen das Fassungsvermögen eines Fingerhuts. Hinzu kommt die Panik vor langen Wartezeiten vor der Toilette, selbst wenn sonst gar keine anderen Mädels da sind. Die Folge ist, dass Frauen beim leichtesten Anflug eines Drucks unverzüglich aufs WC stürmen. Berücksichtigen Sie dieses bizarre Artverhalten dementsprechend bei der Sitzplatzvergabe, indem Sie darauf achten, dass sämtliche anwesende Frauen so positioniert sind, dass sie beim viertelstündlich anstehenden Toilettenbesuch nicht durchs Bild latschen.
Männer, die Frauen WIRKLICH bewundern
Buben glauben ja nach wie vor, dass sich Mädchen ihre Lieblingsmannschaft nach den Trikotfarben aussuchen. Das kann eine folgenschwere Fehleinschätzung sein. Viel häufiger geht das nämlich über das Aussehen der Trikotinhaber. Was so viel bedeutet wie: egal was Sie tun, verstecken Sie um Himmels Willen diesen Christiano Ronaldo. Sonst fängt das Rumgesülze wieder an. Und dann ist nicht mehr viel mit Fußball. Denn die Damen vergessen über Unterhosenwerbung mit fragwürdigen Haltungsnoten gerne, dass der nette Portugiese, außer für das Laiendarstellerposing, auch als Stürmer bezahlt wird. Gut, das vergessen Männer ebenfalls, aber aus anderen Gründen. Versuchen Sie erst gar nicht, auf die spielerischen Qualitäten etwa eines Franck Ribéry hinzuweisen. Das hat gar keinen Sinn. Da wird Ihnen auch kein noch so ausgefeilter Vortrag über Statistiken mit tabellarischen Schaubildchen helfen.
Die Zeit danach
So traurig es ist, aber sie kommt. Die Zeit nach der EM. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass wir Männer in uns zusammensacken, uns bodenlose Leere überkommt, wir vorübergehend zu Fußballautisten werden. Dann ist es schön zu wissen, dass da jemand ist, der einen auffängt. Wenn denn da jemand ist. Denn viele von uns haben ihre Frauen zu diesem Zeitpunkt durch Nichtbeachtung des Survival Guides vergrault. Das dürfen Sie nicht zulassen! Bedenken Sie deshalb sicherheitshalber schon vor der EM alle Eventualitäten. Kaufen Sie Opernkarten für die Woche nach dem Finale. Planen Sie einen Einkaufstag mit bis zu 25 Schuhgeschäften. Lassen Sie eine romantische Komödie über sich ergehen. Vielleicht haben Sie dann Glück, und Sie dürfen auch bei der nächsten EM wieder hingehen.
Bookmarken & Teilen