
Gut, jetzt ist es also soweit. Der zweite Blogeintrag, der ja eigentlich der verschobene erste ist und doch in der wohlgeordneten Menge aller Einträge bereits der vierte, verlangt sein Recht und will ohne weitere Umschweife publiziert werden. Stilgerecht wohlgemerkt. Lässig aufs digitale Papier geworfen. Thematisch und inhaltlich von enormer Tragweite. Strotzend vor Esprit und Wortgewandtheit. Ein sicherer Theodor-Wolff-Preis und zumindest pulitzerverdächtig (wird ja im Internet veröffentlicht, das nach allgemeinem Geschichtsverständnis nun mal eine amerikanische Erfindung ist).
An sich keine große Sache. Allein, woher nehmen, wenn einen das leere Blatt, ausgemergelt und fahl wie es ist, argwöhnisch beäugt? Freilich, man könnte sich kurzfristig mit Notwehrorigami behelfen, oder mittels Brieföffner meuchlings eine Zellstofferdolchung vornehmen. Aber das wäre dann nicht unbedingt etwas, worüber man stolzgeschwellter Brust berichtet.
Wie also der Baumerzeugnisdiktatur die Stirn bieten, wie dem papiergewordenen Ideennichts erbitterte Resistance verkünden? So wie man es mit dergleichen finsteren Gesellen schon immer gemacht hat: mit Zivilcourage und einem eisernen Willen, geprägt von unbeugsamer, fast schon heroischer, journalistischer Ethik. Man schreibt also einfach darüber, wie enervierend es sein kann, schreiben zu müssen. Kein ganz innovativer Ansatz, wenn man ehrlich ist. Aber zumindest grundsolide.
Denn wer kennt es nicht, dieses Gefühl, wenn was raus muss. Also nicht, weil es von innen raus muss, sondern weil es raus muss, im Sinne von veröffentlicht werden, Deadline, fristlose Entlassung, Arbeitsamt, Sozialhilfe, Nachrufverfasser für Regenwürmer am Tier-des-Jahres-Stammtisch (und selbst diese Aussicht war nur bis letztes Jahr eine Alternative). Im Grunde genommen ist es so wie bei der Deutschschularbeit, wenn man mal wieder aufs falsche Pferd gesetzt hat und sich für die Gedichtinterpretation entschieden hat, anstatt für die Problemarbeit. Ließe sich bei letzterer zumindest wortreich Gelehrsamkeit vortäuschen, so bleibt das Heft bei ersterer bis kurz vor dem Läuten leer. Zu diesem Zeitpunkt führt dann auch ein spätes Umsatteln nicht mehr zum gewünschten Erfolg.
Die Klügeren unter uns haben demnach schon früh gelernt, dass es sinnvoll sein kann, mit semantikfernen Wortattrappen ein armseliges Elaborathäufchen aufzubessern, in der Hoffnung, dass es niemand, insbesondere das Blatt nicht, bemerkt.
Nun, wie es scheint, hat dieser Trick heute auch bei mir funktioniert. Das Blatt ist voll ohne es bemerkt zu haben, der Argwohn ist Phrasen gewichen, der Eintrag geschrieben. Aber das muss unter uns bleiben! Also bitte verpetzen Sie mich nicht.
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